from India

Kaum lassen wir den letzten gekühlten Raum hinter uns und betreten die Aussenwelt, empfängt uns die Hitze. Kein einziger Taxifahrer ist erkennbar. Nach einer kurzen Suche nach ihnen, senden sie uns zurück ins Flughafengebäude an den Taxischalter. In Indien scheint alles brav geregelt zu sein. Statt sich gegenseitig stets die Preise zu unterbieten, lernten sich die Taxifahrer zu organisieren und bieten die 100 Minuten dauernde Fahrt zur Halbinsel „Fort Kochin“ zu einem stolzen Preis an.

Als vor knapp 700 Jahren intensive Regenfälle ein seltenes Hochwasser auslösten, transportierte der Fluss soviel Geschiebe, dass bei der Einmündung ins Meer ein Delta entstand, welches nun als Halbinsel genutzt wird. Darauf wurde von Handelsleuten eine Festung errichtet, die inzwischen nicht nur durch feindselige Geschäftsleute zerstört wurde, sondern im Laufe der Zeit gänzlich vom weichen Sandboden verschluckt wurde. Heute ist die Halbinsel von Kochin bekannt für ihre gute Küche und für die gesamte Ayurveda-Palette. Armut ist nicht zu erkennen.

Wer von Euch erinnert sich noch an die Welt zum Zeitpunkt des Vietnamkriegs? U.a. wurden damals alte Werte wie Kriegswirtschaft, Landesgrenzen und der Religionen hinterfragt. – Hinterfrage Dich z.B. heute, wie sehr Du mit diesen Dir anerzogenen Werten einverstanden bist. Oder gäbe es etwas, das Du gerne für Dir nahe stehenden Menschen nachhaltig ändern möchtest (Hoffnung) – Damals hatten einige Leute den Mut, ein neues Wirtschaftskonzept, eine neue Religion und eine Gemeinschaft auf Niemandsland umzusetzen. Die Verschmelzung der spirituellen asiatischen und der organisierten westlichen Gesellschaft war denkbar. Der Sinn und Zweck einer solchen neuen Gemeinschaft sei die Verwirklichung der menschlichen Einheit, was an fortlaufendes Experimentieren geknüpft ist. Diese ins Leben gerufene, massive Bewegung war nicht allen Politikern und Wirtschaftsführern recht. Würde die Bewegung niedergeschlagen, würden die Proteste intensiver; insbesondere im Gandhi-Land. Da jeder von uns ein minimales Quantum an Harmonie bedarf, sollte die Umsetzung dieses Traums auch aus politischer Sicht weiterverfolgt werden; irgendwo an einem unbekannten Ort. Hat der Traum Erfolg, wird er sich weiter ausbreiten. Hat er keinen Erfolg, dann werden die Teilnehmer erwachen und zu den alten Werten zurückkehren. Am 28. Februar 1968 legten Vertreter aus 124 Ländern je eine Handvoll mitgebrachter Erde zusammen und gründeten „Auroville“. Als geistliches Herzstück ist der Banyanbaum und architektonisches Prunkstück das „Matrimandir“ zu nennen. Wer es betritt, fühlt sich wie in einem damaligen Science-Fiction Film über eine zukünftige Welt.

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Auroville wird noch heute gelebt. Leider findet sie ihre Anhänger nicht im Übermass. Auroville veränderte die Welt bis heute positiv. So insbesondere z.B. im Bereich des Umweltschutz: Wiederaufforstung, ökologischer Landbau, Grundwasserspeicherung sind nur wenige, die genannt werden dürfen. Schau zurück, wann Dein Land von der grünen Welle erfasst wurde und ob Du froh bist, dass diese grüne Welle bis zu Dir schwappte. (Vorsicht: was heute als „grün“ verkauft wird, beruht meist auf anderen Idealen.)

Auroville ist die positive Kraft der Veränderung. Hindus zählen diese zur Kraft ihres Gottes „Shiva“. Und sie kennen auch „Vishnu“, der Konservative. Über ihnen steht der Schöpfer von allem „Brahma“. In Trichy (Tiruchirapalli ) besuchen wir den Srirangam-Tempel. Dessen Kernstück darf nur von Hindus betreten werden. Sieben Schutzmauern umschliessen die Anlage. Sechs dieser Mauern wurden vom 12. bis zum 17. Jahrhundert im Abstand von je 100 Jahren erstellt. Zum Zeitpunkt des Kolonialismus gab es Verzögerungen mit dem Bau des siebten Mauerrings. Erst im 20. Jahrhundert wurde der fortgesetzt. Die Eingangstore ragen weit über die Tempelhöhe hinaus. Sie sind reich geschmückt mit verschiedensten Figuren der hinduistischen Religion.

Auch Madurei ist bekannt für seine Tempelanlage. Diese ist jedoch nur durch eine einzige Mauer umzäunt. Weiter ist in Madurai das Gandhi-Museum sehenswert. Der Kolonialismus wird als gravierendes und grausames Kapitel der Engländer beschrieben. Es wird nicht versucht, diese Zeit zu beschönigen. In Indien wurden die einstigen britischen Schutztruppen für ihre Handelswaren in eine angsteinflössende Armee umgewandelt, welche politischen Einfluss ausübte. Vom kreativen Gedankenansatz Shivaz, Konflikte über Friedensgespräche (und nicht mit primitiver Waffengewalt) zu lösen, war der britische Vishnu überfordert. Da die konservativen Kräfte keinen Zentimeter nachgaben wollten und die Kräfte der Veränderung zu keinem Kompromiss mit den Besetzern bereit waren, entschieden die Waffen. – Das von Gandhis eigenem Blut durchtränkte Hemd ist im Museum ausgestellt.

Der Nachtzug weist Verspätung auf. Im Bahnhof blockiert ein anderer Zug dessen Geleise. Er ist überfüllt. Wir haben Einblick in die Schlafwagen: zum Gang offenes 6-er Abteil mit 4 cm dicken Plastikmatten. Unser Reisegepäck wäre da drin vor Dieben nicht sichert. Es stinkt, weil viele Leute die Zugstoilette bzw. das dort installierte Plumpsklo benutzen. Wir sollen nachts keine überfüllten Wagen nutzen, da Inder ihrer Versuchung zu einer weissen Frau verfallen und die Situation missbrauchen könnten. Wir verzichten auf die Fahrt. Auf dem beleuchteten Bahnhofsplatz schlafen viele Leute. Sie sehen nicht aus wie wartende Zugreisende sondern wie solche, die kein Zuhause haben und sich im Licht vor allfälligen Übergriffen schützen. In dieser Stadt wird jeder Tag eine Person durch ein Fahrzeug verletzt; davon jede dritte tödlich. Eine Umfrage zeigt, dass die Autofahrer die Fussgänger als Verkehrsrisiko betrachten. Der Ritschkafahrer wählt sein Handwerk nicht aus Umweltschutzgründen, sondern weil er keine Wahl hatte. In einem teuren Hotel angekommen führt uns der elfjährige Liftjunge zur Zimmertüre; er spricht kein Englisch. Vom Verzehr von Fleisch und von Rahm rate ich ab, da mir dies bisher nicht gut bekam – Das ist nicht einfach eine Ferienreise in ein Ressort mit Trachtenpräsentation und Volkloretänzen der Einheimischen, oder so eine Partystadt gefüllt mit lauter coolen Leuten und Drogen im Überfluss. Dieses arme, zukunftslose Leben ist das ganze Leben dieser beschriebenen Leute. Hoffnung kennen sie kaum. Vielleicht müssen sie in diesem Leben leiden, damit sie im nächsten Leben in eine höhere Kaste geboren werden. Oder wie Gandhi sagte: Wer den Zusammenhang von Politik und Religion nicht sieht, der hat wohl die Religion nicht verstanden.

Ooti liegt auf 2’200 müM. und das Thermometer misst kühle 7°C. Wir sind nicht der Elefanten wegen gekommen, die Fussball spielen oder zur Choreographie von Bonnie-M tanzen. Ooti ist bekannt für seinen „Blue-Mountain-Train“, welcher die Bergwelt quert und der seit 2004 in der Liste der UNESCO-Heritage aufgenommen ist.

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Dieser Beitrag wurde am 2014/11/05 um 17:00 veröffentlicht und ist unter holiday postcard abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.
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