Kulturschock

Auf der Fahrt von Santo Domingo nach Punta Cana wird im Bus eine Komikserie ausgestrahlt – das ist schon eine ganz andere Welt. Und eigentlich ist es erschreckend, wie empfindlich Leute dadurch manipulierbar sind. Es wird im Filmhintergrund ein Lachgeräusch eingeblendet und alle verstehen, dass das vorherige lustig war, und sie empfinden es ebenso. In anderen Filmen werden Lebensstandards, Ethik, Feuergefechte etc. aufgezeigt und mit einem Happy-End abgeschlosse; alles ist wieder gut: die Bösen haben verloren, die Guten Recht erhalten. Interessant scheint auch, welches Land solche Filme produziert, denn diese Information wirkt wie ein Spiegel, dass man dort so leben kann. Dass das Wirtschaftssystem, der Lebensstandard und die Werte so erwartet werden dürfen. – das Leben spielt sich effektiv bei sehr vielen grösstenteils im Kopf ab!

Am weissen, toten Traumstrand der Karibik laufe ich entlang. Es wurde ein Piratenschiff im Meer verankert, das man besuchen kann. Es hat Luftburgen, trendigen Sound, Liegen, Restaurants, Strandverkäufer, Motorboote jeder Klasse, etc. Gewisse Leute arbeiten dazu das ganze Jahr, um dies einmal erleben zu dürfen, während ich mich hier versuch anzuklimatisieren. Dieser Strand hat nichts mit Schönheit zu tun. Er folgt lediglich der Geld-Religion und die Leute unserer Konsumgesellschaft realisieren dies kaum. Die Hotelsressorts selber sind als angenehme Ziergartenlandschaft gestaltet, in denen man sich so wohl fühlen kann, dass man sie am liebsten nicht mehr verlässt. An der Rezeption treffe ich eine Deutsche mit ihren beiden Kindern. Sie gibt mir den Eindruck, als ob sie ihr Recht beansprucht, sich als Scheidungsfrau mit ihren Kindern sich vom europäischen Alltag erholen zu dürfen, während ihr Mann sich dazu dumm und dämlich arbeiten muss. (Aber vielleicht ist es entgegen ihrer Ausstrahlung eine äusserst erfolgreiche Frau, die sich das alles selbst leistet.) Jedenfalls half sie mir, mich dem Leben Europas näher zu bringen. Ach, in einer Woche ist das für mich wieder alles normal und selbstverständlich.

Da erinnere ich mich an die Geschichte eines einfachen Fischers. Er ruderte täglich früh zur See und sobald er drei Fische gefangen hatte, kehrte er zurück, genoss diese mit seiner Frau und verbrachte mit ihr den Nachmittag gemütlich. Eines Tages wurde er von einem Geschäftsmann angesprochen, weshalb er denn nicht mehr fische? Er könnte diese verkaufen, sich ein grösseres Boot anschaffen, noch mehr Fische Fangen, grösseren Gewinn machen, ein ganz grosses Boot anschaffen, Leute beschäftigen etc. etc. „Wozu all das?“, fragte ihn der Fischermann, worauf der Geschäftsmann antwortete, er könne sich dann schon zu Mittag mit seiner Frau zusammentun und den Nachmittag geniessen. „Genau dies tue er doch heute schon“ reagierte der Fischer.  //  Wenn wir offensichtlich die „Faulheit“ anstreben, dann können wir nicht vollen Ernstes diese bei anderen Völkern als verwerflich darstellen. Gewisse Klimas erlauben mit einfachen Mitteln eine geringe Lebenserwartung zu erreichen, während andere Kulturen bis 70 arbeiten und danach – sofern alles gut und durchschnittlich läuft – noch 7 Jahre der Pension geniessen.

Manchmal komme ich mir als Entwicklungshelfer so vor, als sei ich ein Magier, der aus seiner Trickkiste einen Gegenstand zieht, der für ihn so selbstverständlich ist, den die lokalen Leute jedoch noch nie gesehen haben. Nach kurzer Erklärung zeigen sich diese begeistert, vertrauen, und akzeptieren das Geschenk. Wir geben Ihnen jedoch kaum die Gelegenheit, das System zu verstehen oder zu durchschauen. Wir haben auch keinerlei Interesse, dass sie eines Tages reicher sind und es Ihnen besser geht als uns! Dennoch sind wir von unserem System und Denken derart überzeugt, dass wir es in die Welt hinaustragen. Geht es da wirklich nur ums helfen?? Andererseits scheint es mir wirklich unethisch, Leuten nicht unter die Arme zu greifen, damit diese sich nicht den ganzen Tag beschäftigen müssen, Trinkwasser zu tragen; dies ist jedoch eine persönliche Ansicht, eventuell sogar von christlichem Umfeld geprägt, denn vielleicht ist es doch unethisch! Die Zauberer verschwinden jedoch wieder nach ca. zwei Jahren und dann ist vieles wieder wie früher.   Hier danke ich für Euer Verständnis, wenn ich meine philosophischen Gedanken nicht weiter publiziere. Auch danke ich allen zuhause gebliebenen dafür, dass sie dem Elend der Welt nicht untätig zusehen und durch Spenden weiterhin Nothilfe ermöglichen. Sicherlich läuft bei der Hilfe selber aus unterschiedlichsten Gründen vieles nicht reibungsfrei wie gewohnt, doch ist das was am Ende ankommt oft noch besser als gar nichts.

Nun mache ich mich also auf in ein Land, in dem sich die Bevölkerung nervt, wenn der Zug zwei Minuten mit Verspätung eintrifft, wenn der Nachbar sonntags Rasen mäht oder den Grill anheizt; ein Land in dem in Restaurants Rauchverbot gilt, und auch sonstiges Unerdenkliches verboten, verurteilt und bestraft wird, indem das Volk teilweise gratis mit gewissen Zeitungen zur sanften Verblödung versorgt wird, indem die Menschenrechte grösstenteils eingehalten werden und in dem die Möglichkeit besteht, eine Volksinitiative zur Todesstrafe zu initiieren – eigentlich ein unheimlich schönes Land, das keine wichtigeren Sorgen kennt, die den Alltag etwas spannend machen.

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Dieser Beitrag wurde am 2010/09/01 um 12:00 veröffentlicht und ist unter hygene promotion abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.
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