Shanti

„Junger Feldarbeiter mit Trinkwasserkanne“ Das  ist  das Bild einer ganz normalen , alltäglichen Szene – und doch finde ich es sehr speziell.— Die WM wird hier stark mitverfolgt – natürlich sind die Leute sehr stolz, dass diese in Afrika stattfindet. Viele unterstützen Argentinien und vorrangig Brasilien. Als dann Brasilien das erste Spiel für sich entschied, ist uns sogar eine Motorradparade in gelb-grün entgegengefahren. Des Fussballs wegen, haben wir auch tags über teilweise Strom. Solche Ereignisse sind von ihrer Wichtigkeit nicht zu unterschätzen. Von anderen Organisationen war zu vernehmen, dass als an anderen Orten dieser Welt während des Spiels kein Strom vorhanden war, die Leute dies als Missgunst am Spass interpretierten und gewalttätig wurden; direkte zwei Todesfolgen inbegriffen.

An einem Ort möchten wir das Terrain ausebnen und freundlich gestalten. Wir organisieren schon mal die Kontakte und Preise, doch dann melden sich Leute, die diese Haufen lieber von Hand (mit Schaufel) gegen Entlöhnung abtragen möchten. Da der zuständige, einheimische „Polier“ einen Nachmittag aus gesundheitlichen Gründen verhindert war, habe ich ihn nachmittags vertreten – und da wird versucht mit mir zu spielen. Sie testen meine Kulturkenntnisse und mein Durchsetzungsvermögen. (Es sind ja nicht nur die Angestellten, sondern auch die externen Zuschauer, die die Arbeiter auslachen und mit Gesprächen ablenken) Der eine Angestellte wollte dann doch lieber nicht acht Stunden arbeiten, weil die amerikanischen „cash for work“ weniger arbeiten. Er verzichtete sogar auf sein Salär, weil ihm der 15minütige Gang ins Büro zum Salärbezug zu weit ist. Der oben erwähnte Nationenverbund macht leider oft die Preise kaputt. Bei denen ist soviel Geld im Spiel, das sie loswerden müssen, um den Spendern zu zeigen, welch grosses Engagement sie leisteten. So stellen sie locker mal 20 Leute an, die sehr gut verdienen und nichts dafür tun.Das mit dem Geld ginge auf die eine Seite noch, doch wird den Leuten eine völlig falsche Idee von Arbeit und Lohn anerzogen; sodass sie denken, wenn sie im T-Shirt ihres Arbeitgebers herumstehen, müssten sie dafür bezahlt werden. Das ist jedoch nur eine von vielen Geschichten. In anderen werden z.B.  Abhängigkeiten geschaffen und ein falsches Wirtschaftssystem gelehrt. Bei unserem Treiben sehe ich das natürlich weniger tragisch: wir sind nur temporär hier, bis das frühere Wasserwerk wieder den Betrieb aufnehmen wird. Aber es ist auch richtig, dass wir den kurzfristigen privaten Handel von Trinkwasser einschränken und deshalb unsere Anlage nachts bewachen lassen müssen.

An einem anderen Ort müssen wir zuerst die Strasse fahrbar machen lassen, um später Material transportieren zu können. Genau für solche Gelände sind die 4×4 Autos geschaffen. Auf der Rückfahrt gelangen wir in eine aufgebrachte Menschenmenge. Sie ist nicht zufrieden, weil sie vom Arbeitgeber entgegen den Abmachungen keine Nahrung erhielt (food for work). Deren Arbeitgeber ist deutsch und wir haben auf unserer Karre ebenfalls die Farben Deutschlands – sehr ungünstig, dennoch liessen sie uns nach einer Diskussion weiter. Vier einheimische Nasen sind noch mitgefahren um ihre Anliegen in der Stadt demonstrieren.

Mit dem Auto fuhr ich in eine eher verlassene Gegend. Ein Mädchen schaute mich mit grossen Augen an, ganz ähnlich wie als Mogli (Dschungelbuch) zum ersten mal seine Shanti sah.

Abends sitzt da ein Herr, der nur Kreol spricht und mit ca. vier Worten in Englisch versucht sich auszudrücken, dass er gerne arbeiten würde – wow, diese Art überzeugt. Mein Arbeiter kennt ihn nicht und meint, der Herr sei irre/ nicht ganz klar im Kopf. Aha, von solchen wurde mir schon öfters berichtet (nicht abzustreiten, dass es solche gibt – bei uns drehen die Leute teilweise bereits durch, wenn der Hamster stirbt). So auch vor wenigen Tagen über eine Frau, die ein sehr unsymmetrisches Gesicht hat, von einer Frau, die sich leicht ärgert oder von einem Mann, der sich für die Sachen mehr interessiert, als andere. „…Dällebach, Karri“ Ob hier oder bei uns, Idioten werden überall geschaffen – gewisse Leute brauchen das. Doch wer ist schlussendlich der (nützliche) Idiot? Um wieder zurückzukommen: ich habe den Herrn arbeiten lassen, er hat gute Arbeit geleist, weshalb ich ihn gleich für die ganze Woche buchte.

Früher war bekanntlich vieles besser. Unser Wasser färbe nun weisse Kleider rot! Unser Wasser sei für Vaginalentzündung einer Frau verantwortlich, unser Wasser ist schlecht, da es nach dem Rasenschnitt der Felder produziert wurde, etc. Alles Argumente, die es zu hinterfragen und zu diskutieren gilt – woher die Dame ihre Entzündung wirklich hat, habe ich nicht genauer erkundigt (weltweit gebe es ca. 52 mögliche Geschlechtsinfektionen). Aufklärungsarbeit durch unser Hygene-Promotions-Team ist nötig um wieder Gleichgewicht zu schaffen. Und damit man die Informationen nicht sofort wieder vergisst, schreiben wir die wichtigsten Regeln an die Bezugsstellen.Wobei wir beim Kreol angelangt wären – Fortschritt oder Kulturabbau? Das Kreol wäre eigentlich eine vereinfachte Version des Französisch. Sie vereinfachen es soweit wie die Chinesen, dass sie für die Zeitform mit je einem konstanten Zusatzwort im Satz definieren. Und der Bequemheit zuliebe grüsst man sich bereits ab morgens um elf Uhr mit „bon soir“. Und zur Aufmunterung kommen da noch die Kinderchen. Sie streicheln mir durch mein Haar und als ich sie darauf fragte, ob ihre Hände nun wieder sauber sind, sangen sie mir ein Schulliedchen über das Händewaschen mit Seife vor. Bald darauf wollte sie denn auch ihre Hände mit meiner Seife waschen, die ich immer bei mir habe. Und zur Abwechslung packe ich die eine und erzähle ihr vom Grossstadtbrauch der Weissen: diese Kanibalen suchen kleine schwarze Kinder von der Strasse, setzen sie in den Suppentopf, und tanzen in der Küche singend um den Topf herum, bis die Kinderchen gar sind – sie mussten lachen, denn so einen Schwachsinn hatten sie noch nie gehört.

Einzelne Abgeordnete absolvierten bei uns einen Hygienekurs mit Diplom. Zur Feier mussten sie zwei Stunden in der schlecht belüfteten VIP-Ecke ausharren. Geehrt wurden sie mit Ansprachen, Live-Band und „Kinder“tänzchen

Fischerboot Papi-Mix: er macht schon mal Werbung für den Samstag Abend, indem er gemächlich durch die Strassen rollt, Club-sound aus seinen Boxen drönen lässt und am Steuer übers Mikrophon dazu vokal begleitet.Da verstehe ich unseren Mitarbeiter wieder, der stolz ist Petit-Goaveain zu sein und nicht irgend ein Landei.

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Dieser Beitrag wurde am 2010/07/03 um 23:10 veröffentlicht und ist unter hygene promotion abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.
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