Die Polizeit kommt

Hier waschen sich die Leute in dem Wasser, das wir danach aufbereiten zu deren und unserem Trinkwasser. Sie kennen wenig Probleme damit, dass sie sich so offen einander gegenüber zeigen – ausser im Hüftbereich behalten sie Abstand voneinander und waschen sich entsprechend ungenügend, da das Höschen anbleibt.Deshalb werden wir ihnen Duschen errichten. In der Folge steigern wir das Bewusstsein für Privatsphäre. Wenn wir uns nach zwei Jahren zurückziehen werden, gibt es kein gratis Duschwasser mehr. Vielleicht müssen dann die Leute für sauberes Wasser bezahlen und jene, die nicht bezahlen können, werden sich wieder im verschmutzten Bachwasser baden. So wie heute, einfach mit weiter entwickeltem Sinn für Privatsphäre/ unnötiger Keuschheit oder in der Umsetzung der Gebote. Als ich erwähnte, dass das für unsere Kultur ein ungewohntes Bild sei, fragte mich jemand, was denn bei uns passieren würde, wenn sich jemand im Fluss so baden würde wie sie es tun. Ich antwortete, dass vermutlich die Polizei kommen würde, um Sitte und Ordnung wieder herzustellen. Natürlich hatte er wenig Verständnis für das Verhalten in unserer Kultur. Grosse Augen habe ich diese Woche bekommen, als ich lernte, wie vielseitig man Kondome anwenden kann. Der kleine ca 9-jährige Junge hatte gleich zwei Dreierreihen in der Hand, so wie unsere Jungs Panini-Bilchen. Er öffnete die erste Packung und machte sich daraus einen Ballon (gibt es in diversen künstlerischen Varianten von lang bis ballrund) Dann kam die ca. 18-jährige Frau vorbei und erbat ihn ebenfalls um ein Kondom… Sie packt es aus und entfernt auf ihrem kurzen krausen Haar die Gleitcreme – dann bläst sie es zu einem Ballon auf (Gleitcreme im Mund muss wohl scheusslich schmecken) Währenddessen füllt der Junge den dritten Gummi mit Trinkwasser – Wir haben doch auch gerne mit Ballons und Wasser gespielt, und wenn sie noch gratis vom ICRC verteilt werden, dann freuen sich auch die Kinder darüber. Abends gehe ich dann mal in die „Disco“. Das ist der Ort wo vorne dran ca. sechs Autos stehen, welche bei uns vor 25Jahren aus dem Verkehr gezogen wurden; der Ort wo die Reichen sich aufhalten. Der Eintritt für Weisse kostet auch stolze 2USD (Tageseinkommen 3-10USD) Der Preis für Einheimische ist unbekannt, liegt erfahrungsgemäss zwischen 0-20% unserer Kosten. Der eine Polizist, der sich vergangene Woche vor den Tanzbereich stellte und in entschlossener Haltung mit der Flinte einen autoritären Eindruck hinterlassen wollte, kam diese Woche mit Verstärkung angerückt. Die vier Respektspersonen verhielten sich ganz unterschiedlich. Der eine hat seine Arbeitsmütze verkehrt angezogen, der andere wippt mit dem Kopf im Tackt der Musik, der dritte schaut sich nach xx um und der Chef hält in der einen Hand sein 9mm-MG und in der anderen eine Flasche Bier – er bestätigte mir gewisse kulturelle Unterschiede. Zwei Seitenwände der Location waren aus Zelttüchern gestaltet. Fast unvorstellbar, dass sich all diese hübschen und sauber gekleideten Menschen vorher im Dreckwasser gewaschen haben. Die anderen Organisationen haben oft ein Ausgangsverbot ab 6pm, weil ihnen eingeredet wird, wie gefährlich die Aussenwelt sei. Die Leute wissen erstaunlich wenig. Meine neue Mitarbeiterin ist wohl etwas träge. Sie wusste nicht einmal auf welche Seite man eine Schraube öffnet. So probierte sie es mal links, mal rechts, mal gleichzeitig auf beide Seiten. Abends produziert sie kein Wasser, weil sie dann zur anderen Anlage hätte gehen müssen, etc. etc. aber das wird sie wohl noch lernen. Wir wurden gewarnt, dass die Leute unser Wasser teils nicht akzeptieren wollen, weil es „schlecht“ sei. Wir sollten äusserst vorsichtig sein, die Leute organisieren sich in solche Fällen gerne zu Demonstrationen und das innerhalb von nur zwei Minuten.(danke für den Tipp – und wie geht’s weiter?) Aus dem persönlichen Gespräch mit der Bevölkerung entnahm ich, dass sich in unserem Wasser nach ca. vier Tagen Lagerung im Zelt bei über 40°C im Eimer Pantoffeltierchen zeigten (Indikator für Malaria; bei uns wird das Wasser bei 14°C gelagert und liegt maximal zwei Tage im Trinkwassersystem!) Darauf habe ich eine Probe in ein steriles Gefäss abgefüllt und auf dem Blechdach lichtgeschützt unter vergleichbaren Bedingungen beobachtet. Selbst nach 5Tagen bilden sich keine Tierchen an der Wasseroberfläche. Diesen Montag werden wir die Bevölkerungsvertreter über unsere Anlage und unsere täglichen Tests informieren. Doch im Vorfeld wurde ich auf Platz unerwartet angesprochen, ob ich vielleicht einige Fragen beantworten könne. Gerne habe ich dies wahrgenommen. Es sassen da auch der Altenrat mit an der Runde, der schlussendlich ausschlaggebend ist für die Grundstimmung. Die Fragen habe ich zufriedenstellend beantwortet – das erkannte ich daran, dass sie mich zum Abschluss jederzeit auf Haiti willkommen hiessen und ich mich hier wie zuhause fühlen solle. Natürlich mögen mich die Leute, u.a. weil ich weiss bin und weil ich ihnen Arbeit verschaffen könnte. Es ist auch eindrücklich, wenn man wohlwollend dem jungen Chef einer angesehenen Gang gegenüber steht oder wenn man von bekannten Einheimischen angesprochen wird und gleich seine ganze Clicke einem so cool begrüsst wie in einem Film. Ich hoffe ich kann einige von ihnen (oder anderen) kommende Woche mit Arbeit beglücken. Zum Abschluss der 80-Stunden Woche haben wir uns wieder einmal die Badi gegönnt. Diesmal kam der Fischer vorbei und bot uns frischen Lobster an. Er hat ihn uns sehr gut zubereitet und gab uns dazu noch das Kochrezept bekannt. Bei uns könnte man sich dies als Mode vorstellen. … Kopf hoch und weiter geht’s!

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Dieser Beitrag wurde am 2010/06/13 um 07:33 veröffentlicht und ist unter hygene promotion abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.
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