Heiliger Sonntag

Es ist Sonntag. Die Leute ziehen ihre schönen Kleider an und gehen zur Kirche – ich gehe selbstverständlich zur Arbeit! Gegen zehn Uhr kommen sie zurück und da es stark zu regnen beginnt gewähre ich ihnen Unterstand im Maschinenhaus. Bald darauf möchte sich die eine Dame mit mir über die Bibel unterhalten. Ich teile Ihr direkt mit, dass ich das für eine ganz schlechte Idee halte, ganz streng nichtgläubig bin aber ihre Entscheidung respektiere. So schlug ich ihr noch andere Themen vor, über die wir uns unterhalten könnten. Dann fragte sie mich tatsächlich nach meinem Lieblingsbuch. Ich mag Orwell, sie kannte ihn nicht. Schon bald musste ich gehen. Mein erster halbfreier Tag seit ich auf der Insel bin wartet auf mich. Wir fahren in die „Badi“. Richtig: mit dem Boot in einer halben Stunde zu dem Strand, der glücklicherweise noch in keinem Reiseprospekt abgelichtet wurde. Es hatte sogar ein kleines Riff mit schönen Korallen und farbigen kleinen Fischen. Das musste ich mir vorher aber hart verdienen! Gegen den frühen Abend müssen wir wieder zurück: Trinkwasserreserven sind zu produzieren! Die eine Wasserträgerin meinte, heute hätten sie in der Kirche gebetet, dass sie ausreichend Trinkwasser bekämen. Ein Junge bedankte sich für meinen Einsatz; ehrliche Anerkennung der Arbeit ist wohltuend.
Um am kommenden Tag wieder frisch für die Arbeit zu sein, hatte ich vor mich früh schlafen zu legen. Denkste. Heute ist doch Sonntag. Und was machen anständige Leute am heilige Sonntagabend, wenn sie keinen Stromanschluss haben und sich selten einen TV leisten können? Sie gehen in die Kirche (die ist übrigens gleich neben uns). Das ist ein richtiges Fest mit Liveband, Lautsprecher size „Disco“, tief eingestelltem Bass, E-Gitarre, Keyboard, Trommel, Verstärker und Stromgenerator. Da kommt der Pfarrer weniger zu Wort, als der Sänger. Die Leute kamen zum feiern her. Sie bewegen ihre Hüften, als sei diese über ein Kugelgelenk mit der Wirbelsäule verbunden. Über die Musikqualität möchte ich mich hier nicht äussern. Ich bin sehr für Nachtruheordnung, denn hier wird solange gespielt, bis dem Generator der Sprit ausgeht; das sind doch schon über vier Stunden (am Sonntagmorgen ist übrigens das selbe Spektakel los). Genervt von diesem Umstand gehe ich durch die Strassen und halte Ausschau nach einer neuen, ruhigeren Location. Mit einem Herrn im Gespräch erkenne ich, dass wir für unser Haus viel zu viel bezahlen. Leider kennt er keine freien Häuser, meldet sich wieder, wenn er was hörte. Zum Schluss erzählt er mir, dass er Pfarrer sei (ist hier jede zweite Person) und er wolle sich mit mir über die Bibel unterhalten. Über die Religion kann man sich unabhängig seiner Abstammung auf der ganzen Welt unterhalten. Zwei Minuten später war ich weg. Nun verfasse ich diesen kleinen Beitrag anstatt zu schlafen. Wenn dieser Beitrag vielleicht etwas negativ klingt, so ist dem nicht so: alles macht viel Spass! Ich bin einfach etwas müde und der Generator der Nachbarn läuft noch immer… Es sind nun noch vier Stunden bis die Hahnenchöre uns zu wecken beginnen! Dafür gibt es keinen Strassenlärm.

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Dieser Beitrag wurde am 2010/06/06 um 07:31 veröffentlicht und ist unter hygene promotion abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.
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